Interview des Fanclubs Bergkgeschrey
mit Bringfried Müller vom 12. September 2006
Bringfried "Binges" Müller wurde am 28. Januar in Gera-Langenberg geboren und spielte von 1955 bis 1965 in Aue. Der seit 1955 in Chemnitz ansässige ehemalige Kapitän der Wismutelf kam auf 256 Oberligaspiele und zu 18 Einsätzen in der Nationalelf. Er prägte als einer der herausragenden Stützen die erfolgreichen 50er Jahre und hielt als Trainer in den schwierigen 60er und 70er Jahren für Wismut Aue die höchste Spielklasse. Verheiratet ist er mit Jutta Müller, der erfolgreichsten Eiskunstläufertrainerin Deutschlands. King Ralph (r.i.B.) und TommyO (l.i.B.) hatten die Ehre, am 12.09.2006 mit ihm ein Interview führen zu dürfen. Wir wünschen Euch annähernd so viel Spaß beim Lesen, wie wir beim Interview hatten ! ;-)
BERGKGESCHREY: Herr Müller, wie geht es Ihnen?
Binges Müller: Nun ja, ich bin 75 und habe zwei Knieprothesen. Man wird mich also nicht einäschern, sondern verschrotten müssen. Ich bin regelmäßig beim ärztlichen TÜV und kann insgesamt sagen, dass ich mich sehr wohl fühle. Ansonsten .. ich bin über 50 Jahre verheiratet, gehe oft wandern und bin mit meiner Ehefrau viel auf Reisen.
BERGKGESCHREY:Hat man als prominente Persönlichkeit dahingehend Probleme, dass man oft angesprochen wird? Manchen ist es ja unangenehm, wenn sie in der Öffentlichkeit Autogramme geben müssen .. .
Binges Müller: Ach, überhaupt nicht! Ich allein werde schon oft angesprochen, aber mit meiner Frau zusammen kann man sich erst recht nicht durch Chemnitz bewegen. Ich gehe viel durch die Stadt, um ein bisschen zu laufen. Manchmal wäre da eine Tarnkappe schon schön, aber ist es nicht belastend, im Gegenteil. Wenn mich Leute normal ansprechen, bekommen sie von mir eine ehrliche Antwort. Ich setze mich da gern eine halbe Stunde hin und unterhalte mich. Die mich kennen sagen auch immer, dass man sich mit mir prima unterhalten kann. Wenn mir aber jemand komisch kommt, den lasse ich natürlich links liegen.
BERGKGESCHREY: Wie kamen Sie nach Aue?
Binges Müller: Bevor ich in Aue spielte, war ich in Gera aktiv. Von dort aus wurde ich zusammen mit Manfred Kaiser delegiert und konnte mich zwischen Aue und Jena entscheiden. Man hatte damals nur bei einem Club die Möglichkeit, auch international zu spielen. Nach Jena wollte ich aber nicht. Wenn schon, dann wollte ich nach Aue zu den Kumpels. So kamen wir zusammen in Aue an und trafen auf eine eingeschworene Elf mit Spielern, die zuvor unter dem Namen "Zentra" den Aufstieg geschafft hatten und bereits Helden waren. Wir waren regelrechte "Ausländer", so wurden wir von Karl Wolf bezeichnet. Manfred Kaiser wollte schon wieder nach Hause. Aber ich sagte zu uns, wir bleiben. Ich machte Karl Wolf klar, dass wir auch hinlangen werden und wenn es nötig ist, auch im Trainingsspiel. Mit dieser Einstellung wurden wir sofort akzeptiert. In der Mannschaft gab es eine gemeinsame Sprache und wir haben von allein funktioniert. Einen Trainer hätten wir gar nicht gebraucht.
BERGKGESCHREY: Gabs für Sie ein sportliches Vorbild?
Binges Müller: Für mich war der Willy Tröger ein Vorbild, mit ihm konnte ich auch noch einige Jahre zusammenspielen. Ich hatte auch noch das Privileg, ihm die Schuhe zubinden zu dürfen. Das ließ er nicht viele machen. Er hatte diese Verletzung aus dem Krieg, so dass er das nicht selbst machen konnte. Selbst bei der Nationalmannschaft kam er auf mich zu und sagte: "Langer, bind mir einen ein." Neben Willy Tröger war auch Manfred Kaiser einer der Spieler, die der Mannschaft das Profil gaben. Tröger als Torjäger und Kaiser als Spielgestalter im Mittelfeld. Zusammen mit den Wolfs gab dies für Jahre ein starkes Gerüst.
BERGKGESCHREY: Wer war ihr Lieblingstrainer?
Binges Müller: Karl Dittes! Er war ein Stratege. Vor wem ich aber in der heutigen Zeit den Hut ziehe ist Gerd Schädlich! Er passt einfach von der Mentalität und vom Umgang her mit den Spielern nach Aue und leistet sehr gute Arbeit. In der Nationalmannschaft war es Janos Gyarmati.
BERGKGESCHREY: Wer war ihr schärfster Gegenspieler?
Binges Müller: Der schärfste Gegenspieler war für mich der Peter Ducke. In Aue haben wir ihn beherrscht, aber in Jena hat er dann Maß genommen. Vor dem Spiel in Aue gab es in dem berühmten Tunnel noch psychologische Tricks unsererseits: "Peter, heute hacken wir dir die Beine spitz." Da haben wir unsere Gegenspieler ganz schön beeindruckt. Aber hinterher wurde zusammen Bier getrunken und es war alles kein Problem.
BERGKGESCHREY: Die schönste Saison?
Binges Müller: Na das waren die drei Meistertitel und der Pokalsieg. Und natürlich die Europacupspiele gegen Göteborg oder Young Boys Bern. Nach dem heutigen Reglement mit den Auswärtstoren wären wir damals einige Runden weiter gekommen, aber damals gab es leider die Auswärtstorregel noch nicht.
BERGKGESCHREY: Wir war das Spiel vom 6. Oktober 1956 gegen Kaiserslautern?
Binges Müller: Es war ein absoluter Höhepunkt! Es war zwar ein Freundschaftsspiel, aber die waren westdeutscher und wir ostdeutscher Meister. In Leipzig haben uns zwei Drittel der Zuschauer gar nicht beachtet, sondern nur ausgepfiffen. Wir durften Fritz Walter ja nicht mal berühren! Für uns war es trotzdem ein gutes Spiel und hätte Kurt Steinbach besser gehalten, wäre mehr drin gewesen, denn wir haben ja sogar 1:0 geführt. Beim berühmten Fritz-Walter-Tor stand ich noch 10m daneben. Aber wir haben damals Manndeckung gespielt und für Fritz Walter war Manfred Kaiser eingeteilt. Bei diesem Spiel wollte die Wismut einen Top-Zuschlag machen. Normalerweise kostete ein Oberligaspiel inklusive Sportgroschen 1,10 Mark. Für dieses Spiel wurde ein Preis von 2,10 Mark gestattet. Unglaublich, man hätte eigentlich das Doppelte oder gar Dreifache verlangen können. Es war ein Erlebnis. Die Zuschauerzahl von 110.000 ist auch heute noch absoluter deutscher Spitzenwert. Der wird auch nicht mehr eingeholt werden. Können wir stolz sein. Wir haben den Rekord und das ganze für 2,10 Mark! Im Rahmen dieses Spiels mietete die Wismut das Astoria in Leipzig und wir saßen mit den Kaiserslauterern zusammen beim Abendbankett. Davon schwärmen die heute noch.
Ich habe erst vor paar Jahren auf Wunsch von Ottmar Walter noch ein paar Bilder von damals abgelichtet und ihm zugeschickt. Mit dem Mauerbau brach der Kontakt dann aber ab. Damals, mit dem Spiel in Leipzig, bekamen die ein Spanferkel geschenkt. Daraufhin luden sie uns prompt zum Schlacht des Ferkels bei sich ein. Als wir drüben waren, fand zuvor ein großer Umzug statt und wir durften zu zehnt als Nationalspieler in einem eigenen offenen Wagen daran teilnehmen: 5 Nationalspieler von uns - Willy Tröger, Manfred Kaiser, ich und die Gebrüder Wolf - sowie 5 von denen - Werner Kohlmeier, Horst Eckel, Werner Liebrich und die Brüder Ottmar und Fritz Walter. Wir wurden da sehr herzlich empfangen. Ich bin heute noch Kaiserslautern-Fan. Die haben auch etwas mit Aue gemeinsam, da steht die Region ebenfalls hinter dem Verein. Danach haben wir in Mainz im alten Bruchwegstadion gegen die 05er gewonnen und sind anschließend nach Bad Türkheim ins "Fass" gefahren, in welches uns Sepp Herberger einlud und tüchtig gebechert wurde, da war was los!
Später haben wir noch ein Freundschaftsspiel bei Borussia Dortmund gemacht. Wir kamen im strömenden Regen am Stadion "Rote Erde" an und Max Merkel war deren Trainer. Vorm Spiel meinte Max Merkel noch, dass "gegen die kleinen Russen eh keine Leute kommen". Aber das Stadion war mit 28.000 Zuschauern ausverkauft und wir haben 2:0 gewonnen. Und das in Dortmund, die mit Spielern wie Kelbassa oder Kwiatkowski antraten und paar Jahre zuvor westdeutscher Meister waren! Kurz vor Schluss, es stand noch 0:0, wurde Karl Groß eingewechselt und schoss noch zwei Tore. Kelbassa hat daraufhin gesagt: "Ich habs gleich geahnt, das war ne Geheimwaffe." Dabei war er immer nur unser Ersatzmann. Abends im Dortmunder Vereinsheim gabs ein Bankett mit Dortmunder Bier und das wurde bei halbvollen Gläsern immer wieder nachgeschenkt. An der langen Tafel saß neben mir unser Linksverteidiger Konrad "Konny" Wagner und uns gegenüber der Max Merkel. Konny Wagner sagte zu Merkel: "Na Herr Merkel, haben Sie gestaunt, wie die kleinen Russen so Fußball spielen können?" Daraufhin schnappte sich Max Merkel seine Frau und sagte: "Hier habe ich nichts mehr zu suchen" und ist gegangen. Später haben wir Konny Wagner immer wieder gesagt, dass er der einzige deutsche Spieler war, der Max Merkel je des Lokals verwiesen hatte.
Wir sollten auch noch auf Schalke spielen, aber zu Hause war ein Punktspiel gegen den ASK Vorwärts Berlin angesetzt. Da ließen sich die Leute in Berlin nicht überreden, wir mussten Schalke absagen. Gegen Berlin haben wir dann auch prompt 5 Stück bekommen...
BERGKGESCHREY: Apropos Tore, Sie haben nur ein Tor in ihren gesamten Punktspielen geschossen. Trotz dass sie Abwehrspieler waren, ist dies ein auffallend geringer Wert. War dies durch taktische Zwänge begründet?
Binges Müller: So ist es! Karl Dittes beauftragte mich, immer hinten den Laden dicht zu machen. Aber bei Ecken und Standards durfte ich schon vor, aber wurde entsprechend stark in Manndeckung genommen. Im Europapokal habe ich aber auch noch eins geschossen, als wir zu Hause gegen Ajax Amsterdam 1:3 verloren haben.
BERGKGESCHREY: 1964 beendeten Sie Ihre Spielerkarriere und wurden sofort Trainer in Aue. Wie kam das?
Binges Müller: Nach Aue wollte damals keiner. Aber kurioserweise brauchten wir eigentlich gar keinen Trainer. Wir waren eine eingespielte Truppe mit einem bestimmten System und der Mannschaftsrat bestimmte von selbst, wo es lang ging. Wir kannten die Laufwege vom Willy Tröger oder von Armin Günther. Wir wussten, dass man Satrapa im Strafraum nur hoch anspielen muss, usw. usf. Wir haben viel miteinander gesprochen und keiner war beleidigt, wenn mal ein derbes Wort fiel. Aber natürlich durfte nicht jeder jedem alles sagen.. .
Sehr lehrreich für mein Trainerdasein war das Sportlehrerstudium an der DHfK in Leipzig und die Zeit als Assistenztrainer der DDR-Nationalelf. Damals musste jeder Oberliga-Trainer bei einem Länderspiel assistieren. Nach meiner Beobachtung der Schweden gewannen wir gegen sie schließlich 4:1. Daraufhin wollte mich Karoly Soos als damaliger Cheftrainer der DDR länger behalten und so wurde ich schließlich für ein halbes Jahr Assistenztrainer. Das hat mir auch einiges gebracht. Aber nicht nur für mich, sondern auch etwas für unsere Wismut. Denn damals durften die BSGn nicht ins kapitalistische Ausland. Ich konnte als Assistent etwas Druck beim Verband machen und so bekamen wir z. Bsp. auch mal ein Freundschaftsspiel in Maastricht. Da waren die Clubmannschaften mehr als neidisch.
Mit Karoly Soos und mir haben sie kein Spiel verloren. Bei meinem letzten Spiel als Co-Trainer war die DDR in Moskau zu Gast. Es war Dezember und wir lagen gegen Jaschin & Co bereits 2:0 zurück. Da schickte mich Soos zu sich und befahl mir, Otto Fräßdorf taktische Anweisungen zu geben. Das war leichter gesagt als getan, denn das damalige Stadion bestand am Spielfeldrand aus einer großen Mauer und einem Graben, deren Überquerung nicht gestattet war. Damals war auch immer Miliz im Stadion und kannte kein Pardon. Ich aber führte die Anweisung aus, kletterte über die Mauer und stellte Fräßdorf offensiver ein. Kaum hatte ich das getan, wurde ich von der Miliz geschnappt und erst abends wieder freigelassen. Aber wir haben letztendlich noch 2:2 gespielt. War eine schöne Fußballzeit damals.. .
BERGKGESCHREY: In diese Zeit fällt auch eine Begebenheit, die uns besonders interessiert. Sie haben 1966 die lilane Trikotfarbe in Aue eingeführt. Um die Art und Weise, wie das passierte, ranken sich inzwischen verschiedenste, teilweise sogar sportpolitische Spekulationen.. .
Binges Müller: Also ich kann das Euch ganz genau sagen wie es dazu kam. Es muss das Jahr 1953 gewesen sein, als ich noch in Gera war. Wir spielten damals ein Freundschafsspiel gegen Schwaben Augsburg und mich faszinierten die lila-weißen Trikots der Bayern. Später im Jahre 1966, als ich als Trainer in Aue fungierte, war ich mit unseren ausgewaschenen Trikotfarben einfach unzufrieden. Außerdem spielte man immer wieder in anderen Farben und es passte zum Teil Hose und Hemd nicht zusammen. Hier musste eine Veränderung her.
Ich ging zu einer Sportartikelfirma in Burgstädt bei Chemnitz und fragte an, ob diese lila Trikots anfertigen könnten. Dort entgegnete man mir aber, dass man lilane Farben nicht drucken dürfte, da diese Farbe im Sportbereich der DDR nicht gestattet wäre. Daraufhin bat ich die Firma, mir wenigstens heimlich einen kleinen Stoff mit lila Farbe anzufertigen. Diesen band ich mit Hilfe meiner Frau Jutta an ein Stück Pappe, was wie ein Trikot geformt war. Meine Frau hatte das dann schön zurecht gemacht und ich hatte somit einen kleinen Prototyp eines lilanen Trikots mit weißem Kragen und Ärmeln sowie einer weißen Hose. Mit diesem Teil sowie mit meinem Renommee wollte ich die Wismut-Funktionäre überzeugen. Und das klappte auch, denn die Herren waren begeistert und genehmigten der Burgstädter Firma die Anfertigung der Trikots. Beim ersten Spiel, bei dem die Trikots zum Einsatz kamen, bat ich meine Spieler, diese bis kurz vorm Anpfiff unter ihren Trainingsanzügen zu verbergen. Dann, als die Zuschauer beim zum ersten Male die Trikots sahen, ging ein großes "Ahh" und "Ohh" durch das Stadion. Später ließ ich noch entsprechende Trainingsanzüge anfertigen und damit waren wir die einzige Mannschaft der DDR mit lilanen Trikots. Das ganze war also auf meiner Antipathie gegen die alten Farben und der persönlichen Begeisterung für die Farbe Lila begründet. Damit hatten wir eine Farbe, die sonst keiner hatte. Mit politischen Dingen hatte das ganze absolut nichts zu tun.
BERGKGESCHREY: 1967 haben Sie aufgrund mit Differenzen gegenüber dem Verein Aue verlassen.. ?
Binges Müller: Nein. Es gab damals zwei Wismut-Funktionäre, deren Namen ich lieber nicht nenne. Damals wurde Wismut Gera hochgejubelt, die gerade mit Manfred Kaiser als Trainer aufgestiegen waren. Aue war ein kleines Nest und Gera sollte mit seinen 100000 Einwohnern die Bedeutung von Aue einnehmen. Dagegen habe ich protestiert und bin deshalb sofort zurückgetreten. Da gab es auch ein paar Diskussionen, wo ich vielleicht auch Fehler gemacht habe. Aber grundsätzlich hatte mein Rücktritt absolut nichts mit dem Verein Aue zu tun, sondern einzig und allein mit diesem Bestreben in der Leitung der Wismut. Die haben zum Beispiel den Auswärtssieg von Gera in Aue auf der Tribüne frenetisch bejubelt. Aber Gera stieg gleich wieder ab und somit war dieses Bestreben beendet.
BERGKGESCHREY: Danach wurden Sie Trainer beim FC Karl-Marx-Stadt. Wie kam es dazu?
Binges Müller: Nach meinem Rücktritt in Aue wurde ich als Assistenztrainer nach Karl-Marx-Stadt geholt. Dann wurde dort jedoch der amtierende Cheftrainer Horst Scherbaum abgelöst und so wurde ich Cheftrainer, was ich eigentlich gar nicht wollte. Ich fühlte mich dort nicht wohl und hatte auch mit gewissen Antipathien zu kämpfen, denn immerhin hatte ich über 200 Spiele für Aue gemacht. Meinen engsten Vertrauten habe ich immer gesagt, dass mein Verein Aue ist. Ich habe mich als Trainer natürlich gefreut, wenn meine Mannschaft gewonnen hat, aber meine erste Frage nach jedem Spiel war immer: "Wie hat Aue gespielt?" Ich hatte nicht das Herz dazu, das hing an Aue. Denn wenn man seine schönste Zeit als Spieler in Aue hatte, dann geht das eben nicht spurlos vorüber.
BERGKGESCHREY: Das letzter Spiel mit dem FCK war ausgerechnet gegen Aue und bedeutete den Abstieg. Wie war das? Wie nimmt man das wahr, gerade als ehemaliger Auer?
Binges Müller: Schlimm war das. Ich war ja verantwortlich. Aber die Mannschaft des FCK war damals bereits im Umbruch, als ich in Karl-Marx-Stadt anfing. Was ich auch ansprechen muss war die Unfairness der Auer Fans beim Spiel in Halle. Diese Aktion mit dem Sarg, das war echt pietätlos.
BERGKGESCHREY: Danach wurden Sie wieder Trainer in Aue .. .
Binges Müller: Nachdem ich in Karl-Marx-Stadt entlassen wurde, holte mich ein Funktionär wieder zurück und ich war damit von 1971 bis 1978 noch einmal Trainer in Aue.
BERGKGESCHREY: In diese Zeit fiel u.a. auch das berühmte Halbfinale im FDGB-Pokal gegen Zwickau, bei dem Schiri Rudi Glöckner eine unrühmliche Rolle spielte.. .
Binges Müller: Vor dem Spiel kam Schiri Glöckner noch zu mir und fragte mich, wo der Zwickauer Alois Glaubitz sei. Ich fragte ihn warum und er antwortete, dass Alois Glaubitz ihm eine neue Kurbelwelle versorgen wollte... Ich will damit nichts sagen, aber ich nahm das zur Kenntnis. Alfons Babik war in jener Saison ein Neuzugang aus Zwickau und schoss in diesem Spiel zwei einwandfreie Kopfballtore gegen Jürgen Croy, die aber beide abgepfiffen wurden. Letztendlich verloren wir 3:5 und Zwickau zog ins Pokalfinale ein. Nach dem Spiel machte der Rundfunk mit mir ein Interview und ich sprach wortwörtlich ins Mikrofon: "Ich möchte dem Schiedsrichter für die hervorragende Leistung meinen Glückwunsch aussprechen. Das ist ihm sehr gut gelungen." Die Masse der Auer Zuschauer hat das verstanden und trotzdem konnte man mir juristisch nichts anhaben.
Nach der Wende traf ich Rudi Glöckner und er berichtete mir, dass er nach diesem Spiel säckeweise Post aus Aue bekam. Er pfiff danach auch ein Jahr nicht mehr in Aue. Mich hat er als Spieler in Magdeburg bei meinem letzten Pflichtspiel vom Platz gestellt. Er pfiff Elfmeter, obwohl das Foul mindestens 3m vor dem Strafraum passierte. Daraufhin sagte ich zu ihm, dass ich nun wüsste, warum er immer die Freundschaftsspiele der DDR pfeifen durfte. Man muss wissen, dass er damals Freundschaftsspiele der Nationalmannschaft auf heimischen Boden leitete. Er war gern gesehen, denn der Trainer Karoly Soos wollte kein Spiel verlieren und mit Glöckner schien das zu klappen. Tatsächlich hat die DDR mit ihm kein Freundschaftsspiel verloren. Jedenfalls zog er nach meiner Äußerung Rot und ich hängte danach meine Fußballschuhe an den Nagel. Er hat sich aber später kurz vor seinem Tod bei mir entschuldigt und ich war auch nicht nachtragend. Wir waren damals eben nur Peripherie bei den Schiedsrichtern.
Aber umgekehrte Fälle gab es natürlich ebenfalls. Wir haben Schiedsrichtern, die auf unserer Seite waren, mal einen Kasten Wernesgrüner ins Auto getan. Eine Ware, die es damals eigentlich gar nicht gab. Roland Weißbach war damals Hauptordner und organisierte die Reparaturen der kaputten Autos der Schiedsrichter. Dies wurde dann in den Werkstätten der Wismut erledigt. Das gab es natürlich auch, so ehrlich muss man auch sein. Aber wir wussten, wenn Prokop oder Stumph kam, lief es gegen uns. Wie zum Beispiel beim BFC, da stand es 1:1 im Jahn-Sportpark. Allerdings nur bis zur 97.Minute.. , so lange ließ Fifa-Schiedsrichter Prokop nachspielen.
BERGKGESCHREY: Wie und warum beendeten Sie ihre Trainerkarriere?
Binges: Die Erkenntnis kam von selbst und das ganze war im beidseitigem Interesse. Vor allem hing das mit meinen Knieproblemen zusammen. Vom Verband sollte ich noch nach Syrien als Nationaltrainer geschickt werden. Aber meine Frau hätte nicht mitreisen dürfen, somit war für mich dies auch erledigt und für mich endgültig Schluss mit dem aktiven Fußball. Ich habe es auch nicht bereut, dass ich damals für immer aufgehört hatte. Ich konnte mein Privatleben genießen und viele Länder besuchen. Ich war in Hawaii, Bali, Indonesien, Dubai und habe mir so ein bisschen die Welt angeschaut und mich auch sprachlich weitergebildet und damit mental fit gehalten. Einige Westvereine wollten mich nach der Wende als Scout verpflichten. Ich hätte einen Dienstwagen bekommen usw., aber ich hatte kein Bedürfnis. Ich wollte einfach nicht, dass unser Fußballosten ausblutet.
BERGKGESCHREY: Sie haben sich bestimmt schon einmal Gedanken gemacht, was wäre, wenn Sie in einer anderen Zeit gelebt und vielleicht im Westen gespielt hätten? Oder gar jetzt in der Bundesliga.. ?
Binges Müller: Da wäre ich wahrscheinlich Millionär. Aber es war damals eine schöne Zeit. Ich habe darin gelebt und sie genossen. Ich bin gesund geblieben und jetzt 75 geworden. Man sollte sich nicht über was-wäre-wenn Gedanken zu machen. Ich hatte auch ein Angebot gehabt. Ich wurde Mitte der 50er Jahre nach einem Länderspiel im Walther-Ulbricht-Stadion (dem Vorgänger des nunmehr abgerissenen "Stadions der Weltjugend in Berlin"; Anm.d.Red) gegen Bulgarien angesprochen. Das war einer von den Stuttgarter Kickers und machte mir ein Angebot. Ich bin mit ihm nach West-Berlin gegangen und man hat mich in den Zigeuner-Keller auf dem Ku'damm eingeladen. Ich hätte den Vertrag sofort unterschreiben können und in Stuttgart eine Wohnung bekommen und natürlich auch genug Geld. Man hat den Vertrag noch beglaubigen lassen, aber ich habe später angerufen und abgesagt. Schließlich hatte ich meine Eltern noch und stand kurz vor meiner Hochzeit.
Ach, ich war und bin zufrieden. Ich hatte ein Auto und eine schöne Wohnung. Damals wusste man doch gar nicht, wieviele Stellen eine Million hat. Ich gönne auch den heutigen Spielern ihr Geld. Aber ich finde es nicht gut, wenn heutzutage schon 18jährige ihre Manager und Millionen haben, ohne jedoch schon Entsprechendes geleistet zu haben. Oder die Spieler in der ersten Bundesliga, die allesamt Millionäre sind. Ich gönne das jedem, aber jetzt wird sogar wegen Schuhen gestreikt. Früher war eben eine andere Zeit, aber diese Zeit hatte auch ihren Reiz und man wurde zur Selbstständigkeit erzogen. Und man war auch erfinderisch. Zum Beispiel beim Thema Schuhe, da waren wir in Aue die ersten, die mit Gumminoppen gespielt haben. Damit haben wir auf knallharten Boden Dynamo Berlin mit 8:1 weggeputzt! Mit vulkanisierten Schuhsohlen der Firma Meichsner aus Aue!
BERGKGESCHREY: Zum Thema Hochzeit und Ehefrau beschäftigt sich unsere nächste Frage. Wie kommt man als Auer Oberligaspieler eigentlich zu einer Chemnitzer Eiskunstläuferin namens Jutta Müller?
Binges Müller: Das kann ich sagen! Wir spielten in Aue gegen Dynamo Kiew. Im Anschluss gab es ein Bankett im Chemnitzer Hof. Ich war ledig und dies gefiel einem Funktionär der Wismut Leitung, Walter Hensel, nicht. Der kam auf mich zu und sagte, dass oben an der Bar eine Frau säße, die was für mich sein könnte. Nun ja, ich war nicht gerade schüchtern und setzte mich in kurzen Hosen zu ihr. Sie sah gut aus und ich war auch nicht der Schlechteste. Und da wir beide allein waren, stand uns nichts mehr im Wege. Wir heirateten und sind dies jetzt über 50 Jahre. Entgegen aller Meinungen, wir wären längst geschieden.. . Sie macht derzeit noch ein bisschen Fördertraining in Chemnitz. Kontakt mit Katharina Witt ist weiterhin spitze. Obwohl Jutta ihr längst das "Du" angeboten hat, spricht sie sie weiter respektvoll mit "Frau Müller" an.
BERGKGESCHREY: Gehen Sie öfter ins Auer Stadion oder gar zum CFC?
Binges Müller: Zum CFC gehe ich nicht, aber in Aue bin ich ab und zu. Ich bin auch viel unterwegs und kann nicht zu jedem Spiel kommen. Aber wenn ich zu einem Spiel fahre, dann entweder nach Aue oder zu einer kleinen Mannschaft in Chemnitz, wie zum Beispiel Rapid Kappel, wo ich Wilfried Göcke ganz gut kenne. In Aue habe ich freien Eintritt und einen festen Parkplatz. Diese Vergünstigung im Rahmen der Ehrenmitgliedschaft bekam vor ein paar Jahren die alte Meistermannschaft, als sie sich ins Goldene Buch der Stadt Aue eingetragen hat. Neben mir sitzen im Stadion oft noch Manfred Kaiser, Horst Tautenhahn, Klaus Zink oder auch Kurt Viertel.
BERGKGESCHREY: Welches Auer Spiel haben Sie zuletzt live im Stadion verfolgt?
Binges Müller: Das muss das Spiel in der letzten Saison gegen Rostock gewesen sein. Mit mir im Stadion hat Aue noch kein Spiel verloren. Präsident Leonhardt bat mich schon, immer zu kommen. Beim nächsten Spiel gegen Fürth bin ich leider nicht da.
BERGKGESCHREY: Kann man die heutige Atmosphäre im Auer Stadion mit der damaligen vergleichen. Gibt es Unterschiede und wenn, welche?
Binges Müller: Die Begeisterung ist eigentlich gleich. Jetzt gibt es mehr Sprechchöre und eine gewisse Organisation derselben. Das gab es damals nicht. Und jetzt dominiert die Farbe Lila auf den Rängen.. .
BERGKGESCHREY: Wie wird die Zukunft in und für Aue aussehen? Trauen Sie uns die erste Bundesliga zu?
Binges Müller: Nein. Da wäre Aue vom Etat und von der Zuschauerzahl her überfordert. Da müsste man einige hochwertige Spieler kaufen und verschuldet sich eventuell. Die Beispiele Zwickau und Chemnitz zeigen dies doch. Die Gefahr ist einfach da, dass man sich verkalkuliert. Das macht man in Aue schon richtig, dass man da keine großen Gehälter zahlt. Wenn sich Aue ständig im einstelligen Tabellenplatz bewegt, dass reicht das. Um höhere Ziele anzustemmen, müsste man zum Beispiel die Eintrittspreise enorm erhöhen, was man der Masse der Zuschauer nicht antun könnte. Mir hat es gefallen, dass Präsident Leonhardt nicht die Überlegung in die Tat umgesetzt hat, das Bayern-Spiel von letzter Saison in Leipzig auszutragen. Das war der größte Trumpf, den Aue ausgespielt hat. In Leipzig hätten sie uns doch nur ausgepfiffen. Wie damals gegen Kaiserslautern.
BERGKGESCHREY: Haben Sie noch Kontakt nach Aue oder zu ehemaligen Spielern?
Binges: Zu einigen Spielern bin ich zu deren Geburtstagen eingeladen worden, wie zum Beispiel bei Jürgen Escher oder Siegfried Wolf. Insgesamt habe ich mehr Kontakt zu der alten Generation der Meisterelf. Mit Manfred Kaiser telefoniere ich oft. Wir waren damals ja die Ersten, die international spielen durften. Daraufhin wurden wir in SC Wismut Karl-Marx-Stadt umbenannt und sollten gleichzeitig unsere Spiele dort austragen. Man wollte eben international den neuen Namen bekannt machen. Wir haben der Umbenennung nur unter einer Bedingung zugestimmt, dass wir eben nicht dort, sondern weiter in Aue spielen konnten. Wer weiß, hätten wir nicht unter dieser Bedingung weitergemacht, dann wäre die Entwicklung bis heute sicher ganz anders verlaufen.
Wenn ich mit alten Freunden zusammen bin, wird weniger über die alten Zeit gesprochen, als eher kritisches über die heutige Zeit. Ich persönlich habe vom heutigen Aue eine sehr hohe Meinung. Die Bodenständigkeit der Leute in den Führungsgremien ist vorhanden und der Trainer Schädlich kommt auch von hier. Das Publikum ist wie damals treu und steht hinter dem Verein. Ich bin stolz wenn ich unterwegs bin und höre, wie man über das heutige Aue spricht. Und ich bin besonders stolz, dass ich damals mit beitragen durfte, einen Grundstein auch für die heutige Zeit gelegt zu haben. |